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Neue Züricher Zeitung: ” Krawalle vor dem Kreml – Ausschreitungen von Fussballfans und Nationalisten in Moskau enden pogromartig”

NZZ 13.12.10

Die Moskauer Polizei hat sich von
gewaltbereiten Fussballfans und Nationalisten im Zentrum der Stadt
überraschen lassen. Die Ausschreitungen richteten sich vor allem gegen
Zugereiste.

Markus Ackeret, Moskau

Das Herz der russischen Hauptstadt
hat sich am Samstagnachmittag in einen Schauplatz der Gewalt
verwandelt. Mehrere tausend, zum Teil äusserst gewaltbereite
Fussballfans und Ultranationalisten waren vom Stadtrand mit der U-Bahn
zum Manegeplatz und damit unmittelbar vor die Tore des Kremls gelangt.
Dort skandierten sie nationalistische Losungen wie «Russland den Russen»
und zeigten den Hitlergruss.

Als die Polizei, die offenbar mit
dem Aufmarsch nicht gerechnet hatte, die Demonstranten an der
Blockierung einer Strasse hindern wollte, kam es zu heftigen
Zusammenstössen auf dem Manegeplatz und anschliessend in zwei
U-Bahn-Stationen. Gezielt richtete sich die Gewalt gegen Zugereiste, vor
allem Kaukasier; mehrere wurden brutal zusammengeschlagen. 32 Personen
wurden verletzt, zwei von ihnen schwer; 65 Manifestanten nahmen die
Sicherheitskräfte vorübergehend fest.

Anlass für die aufgeheizte
Stimmung war die Ermordung Jegor Swiridows, eines Anhängers des
Fussballklubs Spartak Moskau, vor einer Woche. Der Mann war in einen
Streit mit Männern aus dem Nordkaukasus geraten, in dessen Verlauf er
mit einer Luftpistole tödlich verletzt wurde. Die Polizei nahm zunächst
mehrere Personen fest, liess aber alle bis auf den Haupttäter wieder
frei. Das und die Herkunft der Tatbeteiligten weckten die Aggressionen
der Spartak-Fans. Am Dienstagabend sperrten sie zeitweise eine der
Hauptausfallstrassen der Stadt, um ihrer Forderung nach gerechter Strafe
Ausdruck zu verleihen. Für ultranationalistische Organisationen war es
eine willkommene Gelegenheit, mit den Losungen der radikalen
Fussballfans zu sympathisieren. Abgesehen davon, dass randalierende
Fussballanhänger weder dem Fussballverband noch überhaupt dem WM-Land
von 2018 zur Ehre gereichen, ist die politische Dimension der Ereignisse
bedeutsam. Die Hauptstadt des Vielvölkerstaats Russland ist ein Abbild
der ethnischen Vielfalt, doch wächst die Zahl jener, die sich durch die
Zugereisten bedroht fühlen. Die Migrationsbehörde wird zwar nicht müde
zu betonen, die Migranten hätten nur einen geringen Anteil an der
Kriminalität. Die Wahrnehmung ist oft eine andere.

Die Sicherheitskräfte müssen sich
jedoch den Vorwurf gefallen lassen, gegenüber Nationalisten besonders
nachgiebig zu sein. Dass sich etwa der Moskauer Polizeichef auf
Gespräche mit vermummten Anführern der Demonstranten einliess, wurde als
Schwäche des Staates empfunden. Unverständlich war auch, dass die
grölenden Demonstranten in die U-Bahn gelassen wurden, wo sie eine wahre
Menschenjagd anzettelten – unter den Augen der Polizei.

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